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Stand: 26.10.2018

Pressemitteilung

„Wie soll ich das alles schaffen?“ Kinderarmut direkt vor unserer Haustür

Oft, abends wenn der 6jährige Sohn eingeschlafen ist, kämpft sie auch mit den Tränen. Erst dann erlaubt sie sich zu heulen. Es kommt unweigerlich die große Frage, die sich viele alleinerziehende Frauen in Deutschland stellen: "Wie soll ich das alles schaffen?". Da macht die Region zwischen Altötting und Zwiesel keine Ausnahme. Auch nicht bei Kinderarmut. Es ist mehr als nur ein Thema. Es ist ein Problem. Und die Zahl der betroffenen Kinder und Eltern steigt.

Noch kann die angehende Erzieherin die Last des Alltags stemmen. Noch. Der Sohn ist in einer Kindertagesstätte, sie hat soweit Zeit, um zu lernen und zu studieren. Aber jetzt am Monatsanfang mag sie noch gar nicht an das Ende denken. "Mitte des Monats ist Schluss". Die finanziellen Mittel werden dann fast aufgebraucht sein. Pizza beim Service bestellen - was für eine Frage! - ist nicht drin. Spielsachen bekommt ihr Kind vom Flohmarkt. Ein Besuch im Freibad, gar noch Pommes oder Eis dazu. Zu Teuer. Ein Tagesausflug in den Ferien. Nicht bezahlbar. Urlaub - ein Fremdwort. Was für andere Familien selbstverständlich scheint, ist für Christiane nicht zu schaffen. Sie muss jeden Tag Cent für Cent rechnen bei knapp 1000 Euro. Teilhabe am Leben der Gesellschaft sieht wahrlich anders aus. Sie und ihr Sohn haben damit leben gelernt, dass sie sich auf das Nötigste beschränken müssen. Sie haben auch lernen müssen, sich nicht zu vergleichen. Dies in Zeiten, da schon kleine Kinder am Designer-Outfit oder neusten Mobilgeräten gemessen werden. Das nagt am Selbstwert vieler Menschen in solcher Lage. Darin steckt viel Konfliktpotential für Eltern und Kinder.

"Für uns beide sind es harte Zeiten momentan", sagt sie. Doch sie möchte dem Kind nicht zusätzlich Sorgen bereiten. Deshalb versucht sie stark zu bleiben. Denn das Kind spürt natürlich die belastende Situation der Kleinfamilie. Das Auto streikt. Eine Reparatur ist eigentlich nicht drin. Aber es ist dringend nötig, um auf dem Land einigermaßen mobil zu bleiben. Eine Wohnung in der Stadt Passau konnte sie sich nicht leisten. Die Mietpreise explodieren.

Sie braucht das Netzwerk der Familie
Dabei lebt sie mitten im Umbruch. Das Berufspraktikum in einer Jugendeinrichtung in Oberbayern steht bevor. Ein Wohnungswechsel steht an. Die Küche wird gebraucht gekauft, der Haushalt und die Möbel zusammengewürfelt. Mit ein Grund für den Umzug: sie ist wieder näher bei ihrer Familie. Obgleich sie sich als Organisationstalent beweist, braucht sie das familiäre Netzwerk, gerade wenn ihr Kind aus der Schule heimkommt. Die Oma wird soweit möglich da sein. Gut, wenn es so ein Netzwerk gibt. Aber nicht jede Alleinerziehende verfügt darüber. Schulanfang heißt dann auch Unterrichtsmaterial und Schultasche. Alles in allem die nächsten 250 Euro, mit denen Christiane rechnet.

Wie sie das BAföG als Alleinerziehende einmal zurückzahlen soll? Da kann sie schon klar und deutlich werden- auch gegenüber den politischen Akteuren. Gerade zur Landtagswahl. "Es fehlt einfach an finanzieller Unterstützung". Das Arbeitslosengeld reiche, wie sie sagt, nun einmal nicht. Sie hat sich bemüht. Sie hat eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel gemacht und war stellvertretende Filialleiterin. Aber diese Arbeitszeiten hätten ihr keinen Spielraum mehr für den Sohn gelassen. Auch deswegen der Anlauf als Erzieherin.

Ihre konkrete Frage an die Politik
Das Kindergeld für Alleinerziehende erhöhen! Das fordert sie ganz konkret. "Man braucht doch Zeit für ein Kind!". Sich um Kinder kümmern und sorgen zu können, ihnen Bildung zu ermöglichen. "Was ist ein Kind wert?" spitzt sie zu, "in einer Gesellschaft, die immer älter wird". Das müsse anerkannt werden. Die Kandidaten zur Landtagswahl beim Sozial-Politischen Forum von Caritas und Diakonie, hatten sich solchen Problemen und unbequemen Fragen zu stellen. Sie habe sich für ein Kind entschieden, erlebe dann aber, dass ihr manche Steine in den Weg gelegt würden. Bei Behörden fühlt sie sich manchmal als Bittstellerin, der man Formulare in die Hände drückt. Für den Händedruck selbst sei keine Zeit. Ausbildungschancen würden Frauen in ähnlichen Situationen erschwert wenn nicht verwehrt.

Caritas erhebt sozialpolitisch die Stimme
Mit der Podiumsdiskussion haben Caritas und Diakonie ein Ausrufezeichen gesetzt, damit die politisch Verantwortlichen im neuen Landtag sich der Probleme in Alleinverdiener-Familien, allein erziehender Mütter, kinderreicher Familien oder geringqualifizierter Eltern im SGB-II-Leistungsbezug annehmen und Lösungen für bessere Zukunftschancen schaffen. Sozialpolitisch gilt es die Stimme für Kinder, Jugendliche und deren Familien zu erheben. Denn es gibt für viele kein Entrinnen aus der Armutsspirale. Allein in der Stadt Passau waren im Mai fast 3000 Personen in sogenannten Bedarfsgemeinschaften auf Leistungen nach dem SGB II angewiesen; 912 davon sind unter 18 Jahre alt. "Kunden" mit Kindern bei der Tafel Passau werden mehr. Die steigenden Hilfsanträge in den Caritas-Beratungsstellen spiegeln die Not der Menschen. Die Leistungen aus dem staatlichen Teilhabepaket reichen nicht aus, heißt es dort. "Kinderarmut ist bei uns sehr aktuell und oft akut", und das hört man auch, "häufig besonders schambesetzt". Aber muss man sich schämen, wenn das Einkommen gerade reicht, um den nötigsten Bedarf in den Familien zu decken? Ist es nicht ein Armutszeugnis für die Gesellschaft, wenn laut Studien jedes fünfte Kind von Armut bedroht ist? Höchste Zeit, unterstreicht Caritasdirektor Michael Endres, dass sich die große Politik um die kleinen jungen Leute und ihre Eltern kümmert.

Christiane jedenfalls hat ihre Zukunft trotz der vielen Fragezeichen und Unsicherheiten konsequent angepackt. Ihr Sohn soll zuhause sein können, nicht nur in der neuen Wohnung. Sie selbst möchte auch einmal einen Ort finden, der ihr etwas Ruhe ermöglicht. "Im Alltag wenigstens zehn Minuten ohne Sorgen abschalten können", ist für sie schon ein Lichtblick. Sie kann noch nicht genau abschätzen, wo sie in fünf Jahren mit ihrem Sohn stehen wird, wo sie langfristig Arbeit findet als Erzieherin, ob politisch ein Wandel erfolgt. Sie lässt sich aber nicht entmutigen und fasst ihre Hoffnung mit einem Wunsch zusammen: sich einmal ohne Bedenken Schokolade gönnen zu können.