Auf den Gedanken in Passau-Grubweg sei die ganze Welt zuhause, muss man tatsächlich kommen. Dabei liegt er so nah. Hier an der Georg-Philipp-Wörlen-Straße werden Produkte aus Europa, Südostasien oder Lateinamerika verarbeitet. Wie bitte? Genau: Die BMW-Group liefert Ersatzteile an und die Mitarbeiter:innen der Caritas-Dreiflüsse-Werkstätten verpacken diese. Dann geht es wieder in alle Welt. Völlig zu Recht sagen die Menschen mit Beeinträchtigung: "Bei uns ist ganze Welt zuhause". Begleiten wir sie an einem Arbeitstag.
50 Jahre Dreiflüsse-Werkstätten der Caritas. Alle Gruppen der Werkstätten haben sich in das Puzzle zum Jubiläum eingebrachtFoto: can/wd
07:30 Uhr: Die Werktore stehen offen. Also vor dem Haupteingang ist jede Menge Traffic. Kleinbus für Kleinbus rollt an. Die Kolleg:innen stützen sich zum Teil gegenseitig. Denn nicht jedem fällt das Gehen leicht. Dort wird ein Rolli ausgeladen. Da ist eine helfende Hand aus dem Werkstätten-Team ausgestreckt. Die 37jährige Lisa kommt pünktlich an.
07:45 Uhr: Ding-Dong-Dong. Der Gong ertönt. Los geht’s in den 7 Montage-Gruppen, in der Zerspanung, in der Stanzerei und in der Hauswirtschaft. Lisa passt heute genau auf. Sie ist dafür verantwortlich, dass genau 50 Ersatzteile in ein Modul - anders gesagt Schachtel - gepackt sind. Mit der Waage nimmt sie Maß. Dann füllt sie die Transport- oder Gitterbox genau mit 32 solcher Module. Die Kolleg:innen am Tisch 1 stecken die kurzen Kabel in Folien und kleben die Strichcode auf. Präzise Arbeit. 11.600 Stück sind heute das Ziel. "Auf uns ist Verlass", sagte die Gruppenleiterin Claudia.
7:56 Uhr: Lisa ist für die Endkontrolle zuständig. Jetzt muss sie warten. Sozusagen stockt das Band. Ja, nicht jeder Handgriff geht so einfach von der Hand. Das ist in einer Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigung nicht von der Hand zu weisen.
116 Millionen Autoteile in einem Jahr verpackt. Mitarbeiter:innen mit Handicap sind stolz auf ihre Leistung.Foto: can/wd
8:56 Uhr: 25 Personen arbeiten in der Montage 1. Es werden gleichzeitig 10.000 Schrauben eingetütet. "Es muss schon genau gehen" erklärt die Gruppenleiterin mit ihrer sonderpädagogischen Zusatzqualifikation. Im vergangenen Jahr haben all die Mitarbeiter:innen mit Handicap gesamt 116 Millionen Teile für die BMW-Group verpackt. Das liest sich nicht nur Mega. Das ist Mega!
9:15 Uhr: Gruppenleiter wie Claudia und Stefan packen manchmal selbst an, wenn es schnell gehen muss. Sonst organisieren sie die Arbeit, sorgen für reibungslose Abläufe, achten auf die Mitarbeitenden. Dass die ihre Pausen einhalten und nicht überfordert sind, ihre Medikamente nehmen. Sie unterstützen. Viel mehr aber sind sie Gesprächspartner und Vertrauensleute; auch für die Angehörigen.
9:30 Uhr: Pause. Kaffee, Brotzeit. Ratschen. Handy-Nachrichten prüfen. Wie in allen Werkhallen Deutschlands. Eine Mitarbeiterin erklärt, wie gut ihr die Arbeit hier tue. Sie habe es auf dem 1. Arbeitsmarkt versucht. Metzgerei. Die Arbeit war nicht das Problem. Die Zahlen beim Abwiegen entwickelten sich zum Dschungel. Es ging einfach nicht. Jetzt ist sie sehr zufrieden mit sich und der Welt. Auch wenn sie manchmal aufgrund ihrer Medikamente etwas müde wird. Das spielt in einem geschützten Rahmen nun mal keine Rolle.
10:15 Uhr: In der Intensiv-Gruppe wird ruhig vor sich hin gearbeitet. Auf Din-A-Blättern sind 10 Kreise gedruckt. In jeden kommt eine kleine Schraube, dann Tüte … dann Modul... wir kennen das bereits. Andy sitzt im Rolli und hat es wahrlich nicht leicht. Er kann sich aber auf die Betreuerinnen verlassen. Sie kümmern sich mit Umsicht um ihn, stützen ihn, hören hin, wenn er etwas braucht. Heute hat er eine besondere Aufgabe. Eine Hospitantin ist in der Gruppe. Sie arbeitet an seiner Seite und lernt kennen, wie Kommunikation auch eingeschränkt bestens funktionieren kann.
10:43 Uhr: Pulverbeschichtung. Die Montage 3 arbeitet an der Luftführung in Motoren für Baumaschinen. Die Teile kommen roh behandelt aus der Schweißerei bzw. Stanzerei. Sie werden vorbehandelt, getrocknet, elektrostatisch aufgeladen, mit Pulver beschichtet, dann "verbacken", wie es heißt, und schließlich fertig gemacht. Regionale Industriebetriebe setzen auf das Knowhow in Dreiflüsse.
11:00 Uhr: Kurz-Pause und Zeit für den kollegialen Austausch. Wer mit wem? Was steht an? Die großen Fragen der Menschheit also. Im Ernst: solche Pausen sind wichtig, weil sie den sozialen Kitt ermöglichen. Ist die Kaffeepause am Automaten vor dem Großraumbüro was anderes?
Lisa verpackt für die BMW Group die einzelnen Ersatzteile nach Gewicht in die Module. Foto: can/wd
11:25 Uhr: Lisa braucht ihre Augentropfen. Stefan aus der Gruppenleitung hilft ihr. Aber klare Grenze: keine medizinische Hilfe oder Medikation. Dafür ist der Haus- oder Betriebsarzt verantwortlich. Alle 14 Tage kommt der Betriebsarzt ins Haus. Er ist auch so eine Vertrauensperson, an den sich die Mitarbeitenden wenden können. Er ist Externer und gehört doch zur Einrichtung. Bei Fragen rund um Sucht, Prävention ist er Ansprechpartner. Heute hat er zudem Mitarbeiter aus dem Personal im Behandlungsraum. Er schult im Themenbereich Epilepsie. Auch für psychische Probleme gibt es einen externen Ansprechpartner. Standard in den Caritas-Werkstätten.
11:58 Uhr: Aufstellen zum Mittagessen. Nadine zählt die Minuten. Noch zwei, noch eine… Ab in die Kantine. Die Küchen-Kollegen aus dem Kardinal-von-Galen-Haus haben lecker Fischfilet angerichtet. Jeden Tag kommen die Gerichte frisch von dort. Es schmeckt der Runde am Tisch.
12:40 Uhr: 2. Halbzeit. Lisa wartet auf Nachschub. Sie hält die Verbindung zum Lager. Sie weiß sich verantwortlich für die Materialbestellung. Also Telefon mit dem Staplerfahrer. Montage 1, Auftrag 32/18, zwei Behälter, Kontrolle der Papiere. Es kann weitergehen. Man spürt, wie wichtig ihr diese Arbeit ist. Spaß wäre zu wenig. Ja, sie ist erfüllt. Sie ist wer. Und das ist für jeden Menschen so wichtig. Gnad‘ uns Gott, wenn politisch rechte Kräfte ans Ruder kommen, deren Weltbild ausgrenzend und gefährlich ist.
14:00 Uhr: Trinkpause, würde man im Fußball sagen. Julius hat für die Montage 1 Kaffee gemacht. Als "Kaffee-Meister" ist er jeden Nachmittag für genau 11 Tassen verantwortlich. Im Berufsbildungsbereich (BBB) haben sich die Verantwortlichen auf die Neuen vorbereitet. Die stehen gerade in der dreimonatigen Einführungsphase. Sie probieren sich aus in den einzelnen Gruppen, lernen die Werkstätten kennen, die Unfallverhütung. Dann kommen sie 24 Monate nach Stundenplan in den BBB. Machen Erfahrungen im Einkaufen und Kochen, inklusive einer Fahrt zu BMW. Man will schließlich wissen, für wen man arbeitet. Die Werkbesichtigung ist immer so ein Highlight
14:41 Uhr: In der Montage 1 liegt ein neuer Auftrag zum Verpacken vor. 50 Stück in ein Modul, insgesamt 150. Eine halbe Stunde später meldet Julius: "Vollzug".
15:20 Uhr: Gruppenleiterin Claudia stellt die Arbeitsverteilung um. Es geht genau nach Dringlichkeitsstufen. Aufkleber Weiß bedeutet normaler Lauf, gelbe Folie meint Dringlich und die rote Folie signalisiert Eilig. Der Autokonzern kann sich verlassen. Claudia hat noch nie von Problemen oder Verzug gehört. Just in time. Die Caritas-Werkstätten sind geschätzte Partner nicht nur der BMW-Group; auch für ZF und viele regionale Firmen.
15:35 Uhr: Langsam Schluss. Runterfahren, auch sich selbst. Aufräumen. Die Busse stehen bereit. Die Arbeit für heute ist geschafft. Und Manch eine:r selbst auch. Wie sie alle heißen, Lisa, Barbara, Dennis, Julius und und und... Sie dürfen stolz sein. Sie haben etwas geleistet!
15:50 Uhr: Ding, Dong, Dong. Feierabend!
Text: Wolfgang Duschl
Die Dreiflüsse-Werkstätten in Passau Grubweg sind Anfang Oktober 1976 in Betrieb gegangen. Deswegen öffnet die Caritas-Einrichtung am Samstag, 24. Oktober, die Türen. Von 10.00 bis 16.00 Uhr stellen sich die Gruppen vor. Die 248 Mitarbeitenden mit Handicap zeigen ihre Leistung. Aktuell werden sie dabei von 64 Personen begleitet und gefördert.
Zu den Wertstätten gehören sieben Montage- und Verpackungsgruppen, z.T. in Druckerei und Pulverbeschichtung, die Schweißerei, die Zerspanung und die Stanzerei. Dazu kommt die Betreuung in der Intensivgruppe. Mitarbeiter:innen arbeiten auch im Bereich Werkzeugbau, Hauswirtschaft und Hausmeisterei; sowie bei Praktika und ausgelagerten Arbeitsplätzen.
Der Autor hat vor 37 Jahren mit einer Reportage über einen Tag in den Dreiflüsse-Werkstätten als Volontär begonnen. Mit diesem Tagebuch-Feature schließt sich jetzt der Kreis. Es war mir Ehre für diese Kolleg:innen schreiben zu dürfen. Servus.