1956 Ungarnhilfe zentrales Sammellager Passau_Foto: H. Duyfjes
In diesen Tagen jähren sich die dramatischen Ereignisse in Ungarn. Am 23. Oktober 1956 begann der ungarische Volksaufstand, der am 4. November 1956 durch den Einmarsch sowjetischer Truppen blutig niedergeschlagen geworden ist. In den Wirren dieser Wochen spielt die Passauer Caritas eine bedeutende Rolle. Von Passau aus organisierte der Deutsche Caritasverband (DCV) die Hilfstransporte. 2.166 Tonnen Lebensmittel, Textilien, Medikamente, Kohlen gingen von Passau ab. In der Dreiflüssestadt war das große Sammellager.
Es begann mit dem Ungarnaufstand
Der Volksaufstand begann am 23. Oktober 1956 mit einer friedlichen Studentendemonstration in Budapest am 26. Oktober konnten die ungarischen Freiheitskämpfer die Grenze zu Österreich bei Nickelsdorf öffnen. Am gleichen Tag wurden wir vom späteren Direktor des Diözesan-Caritasverband München-Freising, gefragt, ob wir bereit und in der Lage wären unverzüglich Hilfsgüter an die Grenze bei Nickelsdorf für Ungarn zu befördern.
1956 Ungarnhilfe Unterwegs mit dem PKWFoto: H. Duyfjes
Endloser Flüchtlings-Strom nach Österreich
Wir sagten sofort zu und schon am Tag danach wurden, mit von privat kostenlos zur Verfügung gestellten Kraftwagen, Medikamente und Verbandsstoff an die ungarische Grenze nach Nickelsdorf befördert. Die Transporte rollten ununterbrochen bis 4. November. An diesem Tag schlugen die sowjetischen Interventionstruppen den unvergleichlichen Freiheitskampf der Ungarn blutig nieder. Auch ein Passauer Hilfs-Auto geriet in den sowjetischen Vormarsch und wir erlebten bange Tage bis zur Entlassung der beiden Fahrer. Unvergessen soll auch bleiben, dass ein Vertreter der Passauer Caritas an dem historischen Empfang bei Kardinal Mindszenthy - er war lebenslangem Zuchthaus verurteilt und wurde am 30. Oktober befreit - teilgenommen hat. Als Folge des sowjetischen Einmarsches ergoss sich ein endloser Flüchtlings-Strom nach Österreich.
1956 Ungarnhilfe Ehrenamtliche Helfer beim Sortieren der SpendenFoto: H. Duyfjes
Passau als zentrales Sammellager
Der ungarische Freiheitskampf und seine rücksichtslose Unterdrückung durch die Sowjets hatten eine bisher noch nicht erlebte Hilfsbereitschaft im ganzen deutschen Volk ausgelöst. Bei den deutschen Diözesan-Caritasverbänden stapelten sich Textilien, Lebensmittel und andere Hilfsgüter in großen Mengen und warteten auf den Abtransport, doch die Grenze nach Ungarn war wieder dicht. In diesen Tagen erkundigte sich Dir. M. Vorgrimler vom DCV-Freiburg ob es sich Passau zutrauen würde, die zentrale Sammelstelle für den gesamten deutschen Caritasbereich zu bilden.
Für die Wahl Passaus war vor allen Dingen neben unseren Erfahrungen die geographische Lage an der Donau ausschlaggebend. Ohne zu ahnen, was dabei auf uns zukommen werde, erklärte Caritasdirektor Ludwig Penzkofer seine Bereitschaft.
Und schon rollten Waggonladungen und unzählige Postpakete von den Diözesan-Caritasverbänden und Privatpersonen aus allen Teilen der Bundesrepublik an. Bahn und Post beförderten die Sendungen fracht- und protofrei. Die Spendenaktion lief auf vollen Touren.
1956_Ungarnhilfe_Bahnhofsmission PA versorgt 47 Transporte mit 23680 Ungarnflüchtlinge bis E 1956_Foto: H. Duyfjes
23 Eisenbahn-Waggons an einem Tag
Weil der Abtransport nach Ungarn unmöglich war, mussten Lagerhäuser angemietet werden um die Spenden einzulagern. Von einem Sortieren konnte damals keine Rede sein. Der Rekord an Spendeneingängen an einem Tag waren nicht weniger als 23 Eisenbahn-Waggons. Die Lage in den zentralen Sammellagern wurde immer schwieriger, die Aufnahmekapazitäten waren erschöpft, die Spendenflut riß nicht ab. Regensburg wurde zu Hilfe gerufen um Errichtung eines Ausweichlagers. Da kam wie gewünscht ein Hilferuf der österreichischen Caritas um Spenden für die Flüchtlingslager in Österreich. Wir konnten uns nicht anders helfen, als eintreffende Waggons einfach nach Österreich durchrollen zu lassen.
Caritas als "Spionagezentrale des Vatikans"
Von Caritas-International wurde inzwischen in Wien eine Delegation installiert. Zunächst tagten sie in den Räumen des Hotels Regina am Votivplatz. Prompt wurde das Hotel von den östlichen Medien als "Spionagezentrale des Vatikans" bezeichnet. Lag in den ersten Tagen die Leitung in den Händen eines italienischen Jesuitenpaters aus Rom, so gelang es ungarischen kirchlichen Stellen zu erreichen, dass der ungarische Prämonstratenser-Pater Karoly Paulai ausreisen durfte. Er übernahm die Leitung und seine Hauptätigkeit bestand in dem unablässigen Bemühen Mittel und Wege zu finden, um die Spenden nach Ungarn bringen zu können.
Im Januar 1957 war es dann endlich soweit. Die ungarischen Behörden erlaubten dem Weihbischof der Erzdiözese Esztergom mit Sitz in Budapest, Exzellenz Dr. Mihaly Endrey, die Ausreise nach Wien, um die erforderlichen Maßnahmen mit der Delegation zu besprechen. Prälat Carlo Bayer, aus Passau Prälat Ludwig Penzkofer und der Leiter dieser Abteilung Bartholomäus Rester nahmen an diesem Gespräch teil. Die verheerende Lage der Bevölkerung in Ungarn bewegte die Machthaber zu einem gewissen Einlenken. Das Ergebnis war, dass Passau täglich einen Waggon an die "Actio Catholica" in Budapest auf den Weg bringen durfte.
Nun bekam das Sammellager endlich Luft. Neben Eisenbahntransporten, fertigten wir auch eine komplette Schiffsladung mit dem ungarischen Motorschiff BUDA nach Budapest ab. Das Serum gegen Kinderlähmung, welche damals besonders in Ungarn grassierte, wurde in Spezialbehälter ab München nach Budapest eingeflogen. Im Apr. 1958 wurde die zentrale Sammel- und Versandstelle Passau wieder geschlossen. Die Hilfsbereitschaft der Deutschen war überwältigend. Insgesamt gingen in dieser Zeit 2.166 Tonnen Lebensmittel, Textilien, Medikamente, Kohlen, Glas, Druckpapier etc. von Passau ab. Wenn auch dieses Kapitel beendet war, begonnen hat damit die koordinierte Hilfe an die Kirche im Ostblock-Raum.
Jonas Froughy hat im Caritas-Archiv recherchiert und die Ereignisse zusammengestellt.