Thomas Deschner mit Schüler:innen der diesjährigen Abschlussklasse Foto: can/wd
Der Mensch wird nicht erst Mensch; es ist schon einer. Die berühmten Leitgedanken des polnischen Pädagogen Janusz Korczak hängen als Bild an der Wand im Rektoren-Büro von St. Severin. Zentral. Unübersehbar. Für Thomas Deschner das zentrale Motiv seines Wirkens im Caritas Förderzentrum St. Severin in Passau. Es ist ein Ort für ihn, "an dem jeder Mensch mit seiner eigenen Würde und Einzigartigkeit willkommen ist". Am Donnerstag, 23. Juli, sagt er Ade und verabschiedet sich in den Ruhestand.
Thomas Deschner (re.) mit dem designierten Nachfolger in St. Severin Benedikt WagnerFoto: can/wd
Wie das Leben so ist: Er erläutert seine Arbeit ganz praktisch. Als Referendar hatte er einen Buben, schwerstbehindert. Nur wenn er Akkordeon-Musik hörte, begann er zum Essen. Die Eltern hatten immer einen Kassettenrecorder zur Hand; auch wenn sie mal in Gaststätten waren. Alles äußerst belastend. Deschner begann in kleinsten Schritten mit dem Buben zu arbeiten. Er schaffte es tatsächlich. Der Bub lernte Essen ohne Musik. Für die Eltern fast eine Erlösung. Sie konnten als Familie ausgehen, sich unter anderen Gästen bewegen. Diese Geschichte hat den studierten Sonderpädagogen geprägt. "Was man aus Kindern, alles herausholen kann". Ein neues Wort, ein selbstständiger Schritt, ein mutiger Versuch, ein freundlicher Blick, ein gemeinsames Lachen - all das sind Momente, die zählen.
"Danke, dass ich leben darf"
Auch diese Aussage einer jungen Frau mit Down-Syndrom ist ihm nach vielen Jahren noch präsent. Auf die Frage wofür sie dankbar sei: schreibt sie auf ihrem Talker als Kommunikationsmittel: "Danke, dass ich leben darf". Wie eingangs geschrieben. Kinder sind eigene Persönlichkeiten mit vollen Rechten und eigener Würde. "Sie müssen nichts leisten", betont er. Das Team im Caritas-Förderzentrum St. Severin für Kinder und Jugendliche mit Schwerpunkt geistige Entwicklung versteht er als "Begleiter:innen". Selbst Personen mit schwersten Beeinträchtigungen haben die ihnen eigene Würde. Solche Haltung bestimmt die Arbeit dort. Ganz wichtig ist ihm, jungen Menschen mit Behinderung eine Stimme zu geben. Denn diese, so hat er es vielfach erlebt, "haben gesellschaftlich und politisch keine Lobby"; etwa im Vergleich zu Gymnasiasten. Dieses "Stimme erheben als sozialpolitische Anwältin" erwartet er auch generell von der Caritas. Thomas Deschner kam 2010 nach St. Severin. Zuvor war er in Eggenfelden, Hauzenberg und Landau/Isar aktiv; zuletzt als Leiter einer sonderpädagogischen Einrichtung. "Hier darf ich der Mensch sein, der ich bin". Deschner: "Das ist vielleicht das Schönste, was man über eine Schule sagen kann".
Nicht eine Diagnose bestimmt den Wert eines Menschen.
Im Interview erläutert Thomas Deschner: "Entscheidend ist: Da ist ein Mensch"
Mit welchen Beeinträchtigungen haben es unsere Förderzentren heute zu tun?
Thomas Deschner: Während Kinder mit Down-Syndrom früher einen größeren Anteil ausmachten, sehen wir heute häufiger Schülerinnen und Schüler mit komplexen Mehrfachbehinderungen, schweren neurologischen Erkrankungen oder Autismus-Spektrum-Störungen. Die Anforderungen an die pädagogische Arbeit und die multiprofessionelle Zusammenarbeit sind dadurch eher gestiegen als gesunken.
Für uns als Schule bleibt der Auftrag derselbe: Jedes Kind, das zu uns kommt, mit seinen individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen anzunehmen und ihm die bestmögliche Förderung und Teilhabe zu ermöglichen.
Verhalten hat sich verändert, hin zu herausforderndem Verhalten- Systemsprenger-
Was sind die entscheidenden Ansatzpunkte?
Wir erleben jeden Tag, wie vielfältig Menschsein ist. Jeder Mensch bringt etwas Besonderes mit. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Fähigkeiten, seine eigenen Wünsche und Träume. Oft schaut die Gesellschaft zuerst darauf, was jemand nicht kann. Nicht eine Diagnose bestimmt den Wert eines Menschen. Entscheidend ist: Da ist ein Mensch - mit seinem Lachen, seinem Charakter, seinen Ideen, seinen Stärken und seiner ganz eigenen Persönlichkeit.
Welche Unterstützung brauchen denn die Schüler:Innen?
Unsere Arbeit ist geprägt von einer "liebevollen Konsequenz" im Erziehen und Unterrichten. Jeder Schüler trägt einen Schatz in sich, seinen Schatz. Vielfach muss dieser Schatz erst entdeckt werden. Dafür braucht es Geduld, genaues Hinschauen und Hinhören. Es braucht Zeit. Denn nicht die Starken allein, nicht die Schnellen, nicht die Lautesten machen die Welt aus. Die Welt entsteht durch die Gemeinschaft aller Menschen.
Welche Rolle spielt dabei die Caritas?
Von Anfang an habe ich das große Vertrauen geschätzt. Ich habe viel Verantwortung übernehmen dürfen und gleichzeitig die Freiheit gehabt, die Schule gemeinsam mit dem Team weiterzuentwickeln und eigene Ideen einzubringen. Die St. Severin-Schule ist anerkannter Partner in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Ich hatte das Glück, über viele Jahre wirklich gestalten zu können - nicht nur die Schule als Ganzes, sondern auch die Menschen zu begleiten, die dort ihren Weg gegangen sind, Refrendar:innen, Lehrkräfte, Eltern und vor allem Schülerinnen und Schüler. Zu sehen, wie sie Fortschritte machen und über sich hinauswachsen, war für mich immer das Schönste an diesem Beruf. Deshalb fällt meine Bilanz heute ganz klar aus: Ich würde diesen Weg jederzeit wieder gehen.
Das Gespräch führte Wolfgang Duschl