Drei Perspektiven auf ein gemeinsames Thema: Raimund Kreutzer, Stefan Seiderer, Michaela Meindl (v.l.).Foto: can/nh
Warum braucht die Region eine neue Fachschule für Heilerziehungspflege? Wie lässt sich ein solches Vorhaben finanzieren? Und was bedeutet es ganz praktisch für Menschen, die diesen Beruf ergreifen wollen? Drei Personen, drei Blickwinkel - auf ein gemeinsames Projekt.
Der Bedarf ist da. Und zwar nicht erst seit gestern. Seit mehr als zehn Jahren mel-den soziale Einrichtungen in der Region zurück, dass qualifizierte Heilerziehungspfle-gerinnen und Heilerziehungspfleger fehlen. Nun nimmt das Caritas-Berufsbildungszentrum Zwiesel (BBZ) die Planungen für eine eigene Fachschule auf. Der erste reguläre Ausbildungsgang soll zum Schuljahr 2028/29 starten. Bereits jetzt beginnt die Probeeinschreibung.
Stefan Seiderer: "Es geht um mehr als offene Stellen"
Stefan Seiderer, Vorstand des Caritasverbandes für die Diözese Passau, blickt vor allem auf den Bedarf in der Region und den sozialen Auftrag der Caritas.
Für ihn beginnt das Projekt nicht bei der Schule, sondern bei den Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Gerade Einrichtungen der Behindertenhilfe berichten seit Jahren über Schwierigkeiten, ausreichend Fachkräfte zu finden. Bei der Lebens-hilfe Regen stehen nach eigenen Angaben inzwischen mehr als 60 Menschen auf Wartelisten.
Hinzu kommt eine Besonderheit der Region: Der Landkreis Regen verfügt über eine außergewöhnlich hohe Dichte an Einrichtungen und Betreuungsangeboten. Nach der vorliegenden Erhebung kommen hier 4,5 Plätze auf 1.000 Einwohner - gegenüber 2,1 in Bayern und 1,8 in Niederbayern.
"Wenn Einrichtungen keine Fachkräfte mehr finden, geht es nicht nur um offene Stel-len. Es geht darum, ob Menschen mit Behinderung die Begleitung und Teilhabe er-halten können, die sie benötigen", sagt Seiderer. Für die Caritas sei deshalb klar: Ausbildung sollte dort stattfinden, wo Fachkräfte später gebraucht werden.
Eine wohnortnahe Ausbildung kann zudem helfen, junge Menschen in der Region zu halten. Und das mögliche Einzugsgebiet reicht weit über Zwiesel und den Landkreis Regen hinaus.
Michaela Meindl: "Das Projekt steht auf mehreren Schultern"
Michaela Meindl, Leiterin der Abteilung Bildung beim Caritasverband für die Diözese Passau, hat vor allem die organisatorische und finanzielle Seite des Vorhabens im Blick.
Eine gute Idee allein baut schließlich noch keine Schule. Gerade die ersten Jahre sind finanziell anspruchsvoll. Denn zunächst wird die neue Fachschule lediglich staat-lich genehmigt sein. Die reguläre staatliche Refinanzierung setzt erst später mit der staatlichen Anerkennung ein.
Für diese Anlaufphase wurde deshalb ein eigenes Finanzierungskonzept entwickelt. Den größten Anteil übernimmt der Bischöfliche Stuhl. Auch der Caritasverband für die Diözese Passau selbst, der Bezirk Niederbayern und die Lebenshilfe Regen beteili-gen sich finanziell am Aufbau der Schule. Landkreis Regen und Stadt Zwiesel unter-stützen das Vorhaben ebenfalls.
"Eine neue Schule aufzubauen, bedeutet gerade in den ersten Jahren eine erhebli-che finanzielle Verantwortung", sagt Meindl. "Umso wichtiger ist, dass dieses Projekt auf mehreren Schultern getragen wird."
Für ein noch verbleibendes Finanzierungsdelta werden weitere Fördermöglichkeiten und Unterstützer gesucht. Ziel sei nicht nur, den Start zu ermöglichen, sondern die Schule langfristig tragfähig aufzustellen.
Dazu gehört auch eine zweite Zahl: Mindestens 16 Auszubildende werden für die Klassenbildung benötigt. Deshalb startet die Probeeinschreibung schon jetzt.
Raimund Kreutzer: "Jetzt brauchen wir die Menschen"
Raimund Kreutzer, Schulleiter des Caritas-BBZ Zwiesel, schaut auf die konkrete Um-setzung am Standort - und auf die künftigen Schülerinnen und Schüler.
Für ihn ist die Heilerziehungspflege am BBZ keine völlig neue Welt. Im Gegenteil: Mit Sozialpädagogik und Pflege sind zwei zentrale Kompetenzbereiche bereits vorhan-den. Die neue Ausbildung führt sie zusammen.
Fachräume und das moderne Skillslab können genutzt werden, vorhandene Lehr-kräfte und Strukturen ebenfalls. Auch die Werteorientierung des Hauses passe zu einem Beruf, in dessen Zentrum Würde, Selbstbestimmung, Teilhabe und die Beglei-tung des einzelnen Menschen stehen.
Und Interessierte müssen nicht zwingend bis 2028 warten. Bereits ab dem Schuljahr 2027/28 kann das Sozialpädagogische Einführungsjahr (SEJ) am BBZ einen ersten Zugangsweg eröffnen. Wer einen mittleren Schulabschluss hat, kann so zunächst starten, Praxiserfahrung sammeln und später entscheiden, ob der weitere Weg in Richtung Erziehung oder Heilerziehungspflege führen soll.
Daneben gibt es weitere Zugangsmöglichkeiten - etwa über berufliche Vorbildung oder mit Fachhochschul- beziehungsweise Hochschulreife und entsprechender Pra-xiserfahrung. Kreutzer empfiehlt deshalb eine individuelle Beratung.
"Eine Schule entsteht nicht allein am Schreibtisch", sagt er. "Jetzt brauchen wir vor allem die Menschen, für die wir dieses Angebot schaffen wollen."
Wer sich für die Ausbildung in der Heilerziehungspflege interessiert, kann sich ab so-fort beim Caritas-BBZ Zwiesel für die Probeeinschreibung melden.