Kirche vor Ort gestalten: Die Mitarbeiter:innen der Gemeindecaritas mit den jeweiligen Pastoralen Räumen v.l.n.r.: Viktoria Grünberger (Freyung, Grafenau, Waldkirchen), Christian Schacherbauer (Pocking, Fürstenzell, Vilshofen), Agnes Stefenelli (Passau, Tittling, Hauzenberg), Anna Berlinger (Landau, Osterhofen, Hengersberg, Regen), vorne: Anita Strobl (Pfarrkirchen, Arnstorf, Simbach a.I.), Susanne Stimmer (Altötting, Neuötting, Burghausen).Foto/can
Die Kirche im Dorf lassen
Die Kirche verändert sich. Pfarreien arbeiten in neuen pastoralen Räumen zusammen, Aufgaben werden anders verteilt, manches Vertraute fällt weg. Die Gemeindecaritas ist dabei eine Art Verbindungslinie: zwischen Pfarreien und Caritas, Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen, Einrichtungen und Menschen vor Ort. Fachbereichsleiterin Agnes Stefenelli und ihr Team sind deshalb vor allem eines: unterwegs.
Ein Gespräch mit Agnes Stefenelli
Eine Jahreshauptversammlung irgendwo im Bistum. Ein Gespräch mit dem Vorstand eines örtlichen Caritasvereins, der langsam ans Aufhören denkt. Die Frage: Wer macht eigentlich weiter? Oder ein Treffen, bei dem Menschen aus verschiedenen Orten zum ersten Mal feststellen, dass sie gerade vor ziemlich ähnlichen Problemen stehen. So sieht ein Teil der Arbeit von Agnes Stefenelli und ihrem Team aus.
Stefenelli leitet die Gemeindecaritas beim Caritasverband für die Diözese Passau. Der Fachbereich gehört zur Abteilung Caritas und Pastoral. Sechs Mitarbeitende gehören zum Team, jede und jeder betreut mehrere pastorale Räume. Natürlich gibt es Büros. Aber viel passiert eben nicht dort. "Wir versuchen, für die Ehrenamtlichen erreichbar zu sein", sagt Stefenelli. Und wenn Ehrenamtliche erst am Abend Zeit haben, dann findet der Termin eben am Abend statt. Oder am Wochenende. Vor Ort zu sein, ist ihr wichtig. Nicht zuletzt deshalb, weil man manches erst versteht, wenn man die Menschen trifft. Wenn man sieht, wie ein Verein arbeitet, was gut läuft und wo es schwierig wird.
Kirche organisiert sich neu
Für das Bistum Passau sind die pastoralen Räume eine neue Struktur. Pfarreien bleiben rechtlich selbstständig, auch die Pfarrer bleiben Pfarrer ihrer Pfarreien. Aber pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten zunehmend für ein größeres Gebiet. Wie genau, das ist nicht überall gleich.
Mancherorts ändert sich für die Menschen zunächst wenig. Anderswo werden Veränderungen schneller spürbar. Und spätestens dann, wenn ein Priester ausscheidet, krank wird oder nicht mehr nachbesetzt werden kann, wird deutlich, dass die Kirche in Zukunft anders organisiert sein wird. Für die Caritas bedeutet das nicht, dass plötzlich alles neu wird. Ihre Einrichtungen und Dienste sind weiterhin da, ebenso die Kreisverbände und die örtlichen Caritasvereine.
Für die Gemeindecaritas haben sich mit den neuen Strukturen auch die Wege verändert. Früher gab es auf Dekanatsebene regelmäßige Treffen von Priestern und pastoralen Mitarbeitenden. Heute organisieren sich die pastoralen Räume stärker selbst. Die Gemeindecaritas bleibt dabei fest angebunden: Es ist vereinbart, dass ihre Mitarbeitenden an den erweiterten Dienstbesprechungen in den pastoralen Räumen teilnehmen - ebenso wie etwa die kirchliche Jugendarbeit. Damit bleibt der direkte Draht erhalten. Für Stefenelli ist das entscheidend. Denn ohne Kontakt funktioniert ihre Arbeit nicht.
Manchmal geht es um einen neuen Vorstand
Was macht Gemeindecaritas eigentlich? Eine einfache Antwort darauf gibt es kaum. Dafür sind die Situationen vor Ort zu unterschiedlich.
Ein großes Thema ist derzeit die Nachfolge in den örtlichen Caritasvereinen. Viele Vorstandsmitglieder sind seit Jahren im Amt und möchten ihre Aufgabe irgendwann abgeben. Dann stellt sich die Frage: Wer übernimmt den Vorsitz oder eine andere Aufgabe im Vorstand? Wie findet man Nachfolger? Und wie gewinnt man überhaupt neue Mitglieder? Dabei berät das Team. Auch Öffentlichkeitsarbeit spielt eine Rolle. Dafür hat die Gemeindecaritas in diesem Jahr eine eigene Fortbildungsreihe für die Vereine aufgelegt.
Ein Werkzeug dafür liegt inzwischen auch gedruckt vor. Das Impulsheft "Der Mensch ist der Weg der Kirche" richtet sich an alle, die Caritasarbeit in einer Pfarrei gestalten wollen. Es bleibt dabei bewusst praktisch: Wie entdeckt man Notlagen im eigenen Ort? Was lässt sich mit Caritasgeldern tun? Wie gewinnt man Ehrenamtliche? Und wie kann aus einer ersten Idee eine konkrete Aktion werden? Dazu gibt es Anregungen zur Sozialraumerkundung, Beispiele aus der Praxis und Hilfen für die Arbeit in Pfarrei und Caritasverein. Das Heft versteht sich, wie es im Vorwort heißt, als ein "Rucksack an praktischen Impulsen".
Manchmal reicht die Frage aber tiefer. Es gibt Caritasvereine, die früher zum Beispiel eine Kindertagesstätte getragen haben. Wenn diese Aufgabe wegfällt, muss sich ein Verein neu fragen: Wofür sind wir eigentlich da? Wo werden wir gebraucht?
"Not ist oft unsichtbar", sagt Stefenelli. Menschen, denen es schlecht geht, melden sich nicht unbedingt von selbst. Deshalb gehe es auch darum, aufmerksam zu werden. Hinzuschauen. Zu fragen, was sich im eigenen Ort verändert hat und wo Hilfe sinnvoll wäre. Und dann muss nicht jeder alles alleine erfinden.
Was machen eigentlich die anderen?
Genau deshalb organisiert die Gemeindecaritas Treffen in den Regionen. Ehrenamtliche lernen sich kennen, erzählen, was bei ihnen funktioniert - und manchmal auch, was nicht funktioniert. Das klingt banal. Ist es aber nicht. Denn ein Verein zehn Kilometer weiter hat vielleicht längst eine Lösung für ein Problem gefunden, über das sich andere seit Monaten den Kopf zerbrechen.
Man kann sich Ideen abschauen. Gemeinsam eine Aktion organisieren. Oder feststellen, dass zwei Vereine zusammen vielleicht mehr schaffen als jeder für sich. Gerade wenn es immer schwieriger wird, Nachfolger für Vorstände zu finden, darf für Stefenelli auch über Strukturen gesprochen werden. Müssen wirklich zwei Vereine nebeneinander bestehen? Kann man sich zusammentun? Solche Fragen werden in Zukunft eher häufiger werden.
Gleichzeitig versucht die Gemeindecaritas, die Ehrenamtlichen stärker mit den hauptamtlichen Angeboten der Caritas zusammenzubringen. Bei Regionaltreffen werden deshalb auch Einrichtungen besucht. Das hilft beiden Seiten. Die Ehrenamtlichen sehen, welche Hilfen es in ihrer Gegend bereits gibt. Und die hauptamtliche Caritas erfährt, was draußen in den Gemeinden passiert. Denn die Menschen vor Ort wissen oft sehr genau, wo etwas fehlt.
Kirche durchs Tun
Im Gespräch mit Stefenelli fällt irgendwann ein Satz, bei dem sie selbst hängen bleibt: "Caritas liefert sehr viel Kirche." Was sie damit meint, ist keine Theorie.
Kirche werde dort sichtbar, wo Menschen füreinander da seien. Gerade in einer Zeit, in der immer weniger Menschen mit kirchlichen Strukturen etwas anfangen können, bekommt dieses Tun Gewicht. Für Stefenelli muss dabei niemand zuerst beweisen, wie kirchennah er ist. Wer sich bei der Caritas engagiert, sollte deren Werte teilen: Menschenwürde, Mitmenschlichkeit, Gerechtigkeit, Solidarität. Das ist die Grundlage.
Und vielleicht ist gerade das eine Chance. Menschen können sich engagieren, weil sie etwas tun wollen. Weil ihnen ein Thema wichtig ist. Weil sie an ihrem Ort etwas verändern möchten. Das gilt auch für Junge. Youngcaritas gehört deshalb ebenfalls zur Arbeit des Teams. Es gibt Workshops, Kontakte zu Schulen und Jugendgruppen und Angebote für Firmlinge. Gerade Jugendliche sollen sehen, welche sozialen Themen es direkt vor ihrer Haustür gibt. Nicht abstrakt. Sondern möglichst konkret. Wer braucht Hilfe? Wo kann ich selbst etwas machen? Und was verändert sich, wenn ich es tatsächlich tue?
Die Freude nicht verlieren
Zum Schluss des Gesprächs fragt Agnes Stefenelli nicht nach Strukturen. Auch nicht nach Zuständigkeiten. Sie spricht über Freude.
Sie wünsche den Menschen in den Gemeinden und in den Caritasvereinen, "dass sie die Freude nicht verlieren und die Freude am gemeinsam was Gutes tun". Denn Ehrenamt ist für sie keine Einbahnstraße. Natürlich hilft man anderen. Aber man bekommt auch etwas zurück: Gemeinschaft vielleicht. Das Gefühl, gebraucht zu werden. Sinn. Oder einfach die Erfahrung: Wir haben zusammen etwas hingekriegt.
Stefenelli hat dafür einen Satz, der fast ein wenig altmodisch klingt und gerade deshalb gut passt: die Kirche im Dorf lassen. Gemeint ist damit nicht, dass alles bleiben muss, wie es immer war. Im Gegenteil. Strukturen können sich ändern. Zuständigkeiten auch. Entscheidend ist, dass die Verbindungen nicht abreißen. Zwischen Menschen. Zwischen Caritas und Pfarreien. Zwischen denen, die Hilfe brauchen, und denen, die etwas tun wollen.
Darum geht es.