
Die Flut kam schnell und unaufhaltsam
Simbach, Anzenkirchen, Triftern und und und. Das Wasser kam schnell und unaufhaltsam. Kleine Bäche wurden in Minuten zu reißenden Strömen. Aus Wiesenbächen ergossen sich Sturzfluten. Was die Bewohner im Landkreis Rottal-Inn und in Orten der Landkreise Passau oder Freyung-Grafenau Anfang Juni 2016 erlebt haben, ist auch jetzt noch unglaublich.
Wer glaubte, 2013 sei die Hochwasser-Spitze gewesen, wurde eines Besseren belehrt. 2016: Flut-Tsunami, Jahrtausend-Hochwasser. All das trifft zu. Und doch beschreibt es die Not der Menschen nur annähernd. Sieben Menschen tot. Tausende von Haushalten zerstört. Existenzen vernichtet. Schäden in Milliardenhöhe. Tiefe Wunden in den Seelen der Betroffenen. Innere wie äußere Aufräumarbeiten sind noch immer im Gange.
Die Caritas mitten in der Not
Und mitten drin die Caritas. Da, wo sie hingehört: wo Menschen in Not sind. Mitten drin Mario Götz. Der Caritas-Katastrophenschutzkoordinator. Hier nach zehn Jahren seine persönlichen Eindrücke in einer Mail an die Kolleginnen und Kollegen vom Caritas-Netzwerk Katastrophenhilfe:

"Da passiert gerade was"
Mario Götz:
"Tatsächlich sind mir Geburtstage und Jubiläen eher egal. Doch heute hab ich irgendwie doch wehmütige Stimmung: Vor 10 Jahren regnete es vormittags eher normal, mittags dann aber sehr heftig - sintflutartig. Und plötzlich passiert im Nachbarlandkreis Rottal-Inn das Unvorstellbare.
Um 13.30 Uhr der erste telefonische Kontakt zu einer Bekannten in Triftern, als klar wurde, da passiert gerade was: ‚Mario, i hab keine Zeit, bei uns ist Katastrophe. Was brauchst denn jetzt DU?!‘
Wolfgang telefoniert zeitgleich mit seiner Mutter: Hubschrauber kreisen - sie fragt den Sohn in Passau, ob sie bei einer Evakuierung da überhaupt einsteigen soll. Er macht sich sofort auf den Weg. Wolfgang kämpft sich irgendwann zu Fuß zum Elternhaus durch. Der beschauliche Altbach mit einer Wasserhöhe von 40 cm wurde zum reißenden und tödlichen Fluss.
Eine ganze Stadt wird geflutet
Ein paar Kilometer weiter in Simbach am Inn noch ein viel schlimmeres Ausmaß: Eine ganze Stadt wird geflutet. Nicht vom Inn, der Bayern und Österreich an dieser Stelle trennt, sondern vom Berg her. Ein Rückhaltebecken bricht, die Flutwelle ist an die drei Meter hoch. Unfassbar. Sowas gabs noch nie.
Ich bleibe im Büro, mache mich aber sehr bald auf den Weg zu Reinhold, meinem Abteilungsleiter aus der Flut 2013: mal eine rauchen aufm Balkon. Wir ahnen nicht ansatzweise, was die nächsten Wochen und Monate wieder auf uns zukommen wird.
Hilfe aus Tschechien
14.30 Uhr: Die Kollegen der Caritas in Tschechien rufen an. Wir kennen uns von Treffen nach 2013. Sie könnten mit 40 Mann und Werkzeugen am nächsten Tag da sein! Da werden reguläre Dienstwege nicht mehr notwendig.
Da hört man außer in den regionalen Medien bei uns noch kaum was. Und die packen quasi schon den Bus!
Erste Fahrt ins Krisengebiet
Am nächsten Tag die erste Fahrt von mir ins Krisengebiet: Soll mich mit dem KCV-Leiter vor Ort treffen. Der macht aber lieber Vorstellungsgespräche fürn Kindergarten. Bis eine Kollegin vom Verband auch dorthin kommt und ihn fragt, ob er schon mal was von Prioritäten gehört hat. Wird kein gutes Gespräch.
Und weiter mit unserem Vorstand zu den örtlichen Pfarrhöfen. Lage: gelinde gesagt besch…eiden. Der Gestank von Heizöl überall. "Wie im Krieg" sagen die Leute. Und wir meinten, 2013 war schlimm?!
Triftern, Anzenkirchen, Wittibreut, Tann, Simbach, Pfarrkirchen. Und beim Heimfahren denk ich mir noch: Das Wasser läuft ja weiter zu uns! Vorsichtshalber mal in Ruhstorf und Neuhaus vorbeifahren: soweit glimpflich, aber doch einige Schäden.
Sandsäcke, Kaffee und die Erinnerung an 2013
Schnell noch Sandsäcke für die kleine Schänke organisiert und mit der Feuerwehr dort einen Kaffee getrunken. Zwei Paletten müssten erstmal reichen. Sandra ist tapfer, aber 2013 steckt noch zu sehr in den Knochen. Wird schon gut gehen? Fahr abends mit meiner Frau lieber nochmal vorbei - man weiß ja nie.
Erste Hilfen laufen an
1000-jährig wird es heißen, sieben Todesopfer, Milliardenschäden. Nach fünf Tagen die ersten Soforthilfe-Auszahlungen, Spendenaufrufe, erste Hilfen laufen an. Anlage 303: "Mein Haus steht unter Wasser, was tun?" mit unseren Kontaktdaten drauf. 5000 Kopien. Fürs Erste. So gings los. Viele von Euch kennen das. Und noch viel schlimmer. War grad so in meinem Kopf. 5b-Großwetterlage - hör mir auf."