Bischofsreut. "Baumwipfelpfade mit dem Rollstuhl befahren, Glasbläser bestaunen oder sich mit anderen Eltern und Geschwistern ungezwungen austauschen, für viele Familien mit schwerstbehinderten Kindern gehören solche gemeinsamen Ausflüge und Treffen immer noch zur großen Ausnahme", so die Feststellung der "Lebenshilfe". Seit mehr als 50 Jahren kümmert sich der Landesverband Bayern insbesondere um die Menschen und deren Angehörige, die wegen schwerster Behinderungen nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens stehen.
Bereits zum zehnten Mal lädt die "Lebenshilfe Bayern" Familien mit mehrfach-schwerstbehinderten Kindern und deren Geschwisterkindern zu Familientagen ins Hotel "Witikohof" in Bischofsreut ein. Initiatorin dieses erfolgreichen Projekts ist die Vorsitzende der Lebenshilfe Bayern. Landtagspräsidentin Barbara Stamm hatte sich zu ihrem 60. Geburtstag "Spenden statt Geschenke" erbeten und damit den finanziellen Grundstock für die Familienwochen gelegt.
Eine Gastfamilie und ihre Eindrücke
Insgesamt 45 Familienmitglieder von zehn Familien aus ganz Bayern mit elf mehrfach-schwerstbehinderten Kindern und deren Geschwistern können auf Kosten der Lebenshilfe neun rundum versorgte Ferientage im Bischofsreuter 4-Sterne-Hotel genießen. Service und behindertengerechte Freizeiteinrichtungen einschließlich Hallenbad lassen dort Kraft für den oft schwierigen Alltag tanken. 17 geschulte Betreuer bieten Einzelzuwendung für behinderte Kinder. Die Geschwister setzten sich mit speziell geschulten Pädagogen mit ihrer Rolle in der Familie auseinander. Den dadurch entstandenen zeitlichen Freiraum können Eltern für sich selbst, für kulturelle Programme sowie für Elternseminare nutzen, um sich so unter Anleitung von Fachleuten und insbesondere im Erfahrungsaustausch untereinander mit ihren Problemstellungen zu befassen und Hilfsangebote für den Alltag zu bekommen.
Für die terminlich verhinderte Lebenshilfe-Vorsitzende kam stellvertretender Landesvorsitzender Klaus Meyer zum kleinen Jubiläum nach Bischofsreut, um im mittäglich vollbesetzten Speisesaal deren Grüße und deren großes Anliegen zu überbringen, auch in dieser 10. Familienwoche Familien mit schwerstbehinderten Kindern durch kostenlose Eins-zu-eins-Betreuung und Schulung Hilfestellung, notwendiges Rüstzeug, Austausch untereinander und Erholung zu bieten. Für die Wolfsteiner Werkstätten als Träger des Hotels war deren stellvertretender Leiter Andreas Manthey anwesend und Bürgermeisterin Margot Fenzl fand es ganz toll, dass "gehandicapte Familien" zusammen mit ihrem Betreuerteam bereits zum wiederholten Mal Urlaub und Aufenthalt in der Gemeinde Haidmühle machen. Im wunderbaren Hotel "Witikohof' und in der schönen Landschaft könne man sich erholen und einfach "die Seele baumeln" lassen.
"Gemeinsam auf Safari gehen", also auf eine Entdeckungswoche, ist laut Sandra Ilgner, die für den organisatorischen Ablauf zuständig war, vor allem das diesjährige Motto für die anwesenden Kinder gewesen. In verpflichtenden Eltern- und Geschwisterkinder-Seminaren zu relevanten unterschiedlichen Themenbereichen, die Familiensituationen mit einem behinderten Kind betreffen, ging es wiederum darum, sich selbst und Geschwisterkinder wahrzunehmen und Eltern Hilfe und Unterstützung zur
Alltagsbewältigung einschließlich rechtlicher und finanzieller Fördermöglichkeiten an die Hand zu geben.
Gerade dies sei in solchen Familienkonstellationen nicht immer einfach, so Ilgner, die zusammen mit Gernot Wührer speziell die Eltern betreut. Jeder Familie stehe zudem eine eigene Betreuungsperson für das behinderte Kind zu, damit die Eltern Zeit für sich und für Geschwisterkinder haben.
Während der gesamten Woche war es Aufgabe von Hotelleiter Karl-Heinz Seidl, den Familien - auch mit seinem Team, in dem behinderte Personen mitarbeiten - mit Frühstück, Mittag- und Abendessen ganztägige Rundumversorgung in familiärer Atmosphäre zu bieten, was mit Bravour und großer Umsicht getan wurde.
Die fünfköpfige Familie Sabine und Oliver Riediger mit den Kindern Larissa und Jonas sowie der behinderten kleinen Emilia auf Papas Schoß fühlte sich bestens aufgehoben. Es war für die Unterschleißheimer "wie ein Sechser im Lotto", hier teilnehmen gedurft zu haben.Otto Draxinger / PNP
Was das Angebot für eine teilnehmende Familie bedeutet, erläuterten Sabine und Oliver Riediger aus Unterschleißheim bei München der Passauer Neuen Presse.
"Wir haben von unserer Physiotherapeutin von dem Familienwochen-Projekt der Lebenshilfe Bayern erfahren", erzählt Sabine Riediger. "Das klang schön und wir haben uns beworben. Mit einer Teilnahmemöglichkeit allerdings haben wir nicht gerechnet. Der Brief mit der Teilnahmebewilligung war für uns nahezu ein Lotto-Treffer." Schon im Voraus habe man ein Programmheft bekommen, um sich auf die Woche einstellen zu können, ergänzt Oliver Riediger.
"Unsere zweijährige Emilia ist mit einem Gen-Defekt auf die Welt gekommen", so Sabine und Oliver Riediger. Man wisse derzeit nicht, wo die auftretenden Entwicklungsverzögerungen schließlich hinführen würden. "Mit in Bischofsreut sind auch noch unsere zwei Geschwisterkinder, nämlich die siebenjährige Larissa und der fünfjährige Jenas. Wir haben für unsere Emilia die ganze Woche über einen zuverlässigen eigenen Betreuer gehabt. Unsere kleine Emilia konnten wir bisher noch nie in eine Betreuung geben und wir hatten jetzt Gelegenheit, wie die übrigen hier anwesenden Eltern auch, einmal Zeit mit unseren Geschwisterkindern oder mit uns selbst zu verbringen.
"So sieht man, dass man nicht alleine ist"
Durch dieses Familienwoche-Angebot sahen wir, dass wir mit unserem Schicksal nicht alleine sind. Der Erfahrungsaustausch mit den übrigen Eltern tat uns sehr gut. Neben den angebotenen konstruktiven Seminaren erlernte man viel durch Gespräche untereinander. Dies erleichtert unsere Situation, macht auch demütig, wenn man andere Schicksale erfährt. Es ist eine sehr schöne, in vielerlei Hinsicht aufschlussreiche Familienwoche in einer tollen Gruppe gewesen".
Ein großes Lob galt seitens der Unterschleißheimer Familie, aber auch von den anderen so gut versorgten Familien mit Handicap den Annehmlichkeiten des Hauses, der hervorragenden Rund-um-Versorgung und dem Personal mit Hotelleiter Hans-Dieter Seidl an der Spitze, das in familiärer Atmosphäre ganz einfach jeden Wunsch erfüllt hat.