Die eigene Kindheit verstehen lernen: Diplompsychologe Josef Krenner erzählte bei einem Informationsabend im Caritas-Frühförderungsdienst wie wichtig es ist, sich eigene Kindheitserfahrungen bewusst zu machen, um Fehler in der Erziehung zu vermeiden.Wildfeuer
Die Beziehung zu den eigenen Kindern bewusst positiv zu gestalten, ist das Anliegen von Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Josef Krenner. Er zeigte den rund 40 Zuhörern mit einem Informationsabend zum Titel "Wie die eigene Kindheit die Erziehung beeinflusst" im Caritas-Frühförderungsdienst auf, wie Eltern und Pädagogen ihre eigenen Prägungen bewusst wahrnehmen können, um frei entscheiden zu können, was sie von ihren früheren Erfahrungen für die Erziehung der Kinder übernehmen und was sie anders gestalten wollen.
Josef Krenner regte anhand zahlreicher Fallgeschichten zum Nachdenken an. Er erzählte zunächst vom "inneren Kind" und zeigte auf, wie "mächtig" eigene Kindheitserlebnisse das Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln beeinflussen. Nie im Verlauf des menschlichen Lebens lerne man so viel, wie in den ersten sechs Lebensjahren, sagte Krenner. Das Gehirn werde durch die Interaktionserfahrungen des Kindes mit den ersten Bezugspersonen, den Eltern oder Erziehern, geformt. Positive Erlebnisse, wie Trost, Zuwendung und Ermutigung nenne man in der Psychologie "Sonnenkind" oder "fröhliches inneres Kind". Es gebe aber auch die andere Seite, das "Schattenkind" oder "verletzte innere Kind", das Ängste und Nöte erlitt. Diese Kindheitsprägungen seien oft unbewusst.
Das Kleine lerne in den ersten zwei Lebensjahren, ob es willkommen ist. Ist dies der Fall, entwickle es Urvertrauen, denn es könne der schützenden Bindung an die Eltern sicher sein. Es begegne anderen Menschen in seinem weiteren Leben mit Vertrauen, sei psychisch belastbar, habe ein positives Lebensgefühl und mehr Selbstvertrauen als Altersgenossen mit "unsicheren Bindungen". Mangelnde, unzuverlässige Fürsorge der Eltern führe zu Verunsicherung und Misstrauen gegenüber anderen Menschen. Gefühlskalte distanzierte Bezugsperson verstärkten es. Habe ein Kind erlebt, dass andere Menschen unberechenbar oder gefährlich sind, zum Beispiel bei Missbrauch, sei es in "Habachtstellung" und leichter gestresst. Im späteren Leben reagiere es empfindlicher auf unangenehme Ereignisse, sei psychisch weniger belastbar.
Schmerzvolle Kindheitserfahrungen würden an die Kinder weiter gegeben, wenn sie unbewusst bleiben, sagte Krenner. Er lud ein, die eigene Vergangenheit verstehen zu lernen und sich mit der eigenen Kindheit auszusöhnen. Damit eine starke Bindung zu den Kleinen entstehen kann, diese sich entfalten können, sei auch die Aussöhnung mit den Eltern wichtig. Damit könne man den Nachwuchs davor schützen, dass sich bei ihm die eigene möglicherweise konfliktreiche Vergangenheit wiederholt. Wer mit den Eltern im Clinch liegt, dem fehle etwas Grundlegendes für ein erfülltes Leben. Der Blick auf die eigene Kindheit solle somit die eigenen Eltern keineswegs schlecht machen, sondern dazu beitragen, die Prägungen, die man von Daheim mitgenommen hat, besser zu verstehen.
Krenner berichtete über Selbstschutzstrategien, die Kinder entwickeln, um mit belastenden Gefühlen wie Angst, Hilflosigkeit, Ohnmacht oder Wut klar zu kommen. Diese seien im Erwachsenenalter nicht mehr angemessen. "Die meisten Probleme Erwachsener rühren daher, dass wir in kritischen Momenten handeln, als wären wir ein Kind", fand Krenner.
Anhand von Fallbeispielen aus der Frühförderung schilderte er, dass eine in der Kindheit überforderte Mutter in der Erziehung dazu neigte, ihr eigenes Kind zu überfordern. Eltern, die sich als Kind immer unterordnen mussten, legten nachgiebiges Erziehungsverhalten an den Tag, forderten von ihrem Nachwuchs kaum Regeln ein. Normalität sei das verwöhnte Kind geworden. Erwachsene, die ihre Kleinen zu sehr verhätscheln, bewirkten, dass diese "Prinzessinnen und Prinzen" ihre Bedeutung überschätzen und es ihnen schwer falle, sich anzupassen.
Krenner legte den Zuhörern ans Herz, sich selbst zu lieben und zu verstehen sowie als Eltern Hilfe und Unterstützung zu holen. Wenn es ihnen gut geht und sie zufrieden sind, wirke sich das auch auf ihre Kinder aus.
Theresia Wildfeuer