Großes Medieninteresse beim Pressegespräch im Passauer Caritashaus Konradinum zum Auftakt der bundesweiten Armutswochen. Im Mittelpunkt stand die Armut von Kindern und Jugendlichen. Im Bild (v. l.): Erika Paul, Sabine Weiß, Stella Glück und Stephan Weikelsdorfer.caritas/mr
Kein Geld für die Klassenfahrt. Keine neuen Sportschuhe. Die Einladung zum Geburtstag wird ausgeschlagen, weil schon das Geschenk zu teuer wäre. Armut bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich oft im Kleinen. Und sie bleibt häufig verborgen. Aus Scham, aus Angst vor Ausgrenzung oder weil Familien gelernt haben, mit wenig Geld irgendwie zurechtzukommen. Die Caritas in der Diözese Passau macht deshalb zum Auftakt der bundesweiten Armutswochen vom 17. Oktober bis 15. November auf die Folgen von Armut aufmerksam. Besonders im Blick: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.
Die Zahlen zeigen den Hilfebedarf: Allein in Stadt und Landkreis Passau erbrachte die Allgemeine Sozialberatung der Caritas im Jahr 2025 insgesamt 3.094 Beratungs- und Hilfemaßnahmen. Besonders häufig ging es um Wohnungsprobleme, finanzielle Notlagen und sozialrechtliche Fragen.
Wenn Kinder die Sorgen der Erwachsenen mittragen
Armut bedeutet weit mehr als einen leeren Geldbeutel. Wer nicht mithalten kann, zieht sich zurück. Jugendliche verzichten auf gemeinsame Unternehmungen, Kinder finden Ausreden, wenn die Familie einen Ausflug nicht bezahlen kann. Freundschaften leiden. Scham kommt hinzu. Und manchmal Einsamkeit.
Stella Glück, Diplom-Sozialpädagogin und Leiterin der Caritas-Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern, macht auf die möglichen gesundheitlichen Folgen aufmerksam. Dauerhafte finanzielle Unsicherheit, familiäre Spannungen, beengtes Wohnen und das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, können Kinder und Jugendliche auch körperlich belasten. Psychosomatische Beschwerden, geringes Selbstwertgefühl, depressive Symptome oder Verhaltensauffälligkeiten können sich zeigen. Manche Kinder entwickeln Ängste oder ziehen sich zunehmend zurück. Besonders belastend wird es, wenn junge Menschen die Geldsorgen ihrer Eltern übernehmen und versuchen, eigene Bedürfnisse möglichst klein zu halten.
Manchmal scheitern Familienbesuche an den Fahrtkosten. Oder Eltern können ihrem Kind nicht die Ausstattung ermöglichen, die für Schule und Freizeit gebraucht wird. Finanzielle Armut darf dabei nicht mit mangelnder Fürsorge verwechselt werden. Eltern können sich liebevoll um ihre Kinder kümmern und dennoch an wirtschaftliche Grenzen stoßen.
Erika Paul, Fachbereichsleiterin Jugend, Familie und Sucht beim Diözesan-Caritasverband, fordert deshalb, nicht an den bestehenden Angeboten zur Bekämpfung von Kinder- und Jugendarmut zu sparen. Beratungsstellen, Familienhilfen und Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe müssten gestärkt werden. Entscheidend sei, junge Menschen frühzeitig zu erreichen, bevor sich soziale Benachteiligung verfestige. Denn wer schon in jungen Jahren abgehängt wird, trägt die Folgen möglicherweise weit über die Kindheit hinaus.
Im Konradinum wird Armut sichtbar
Im Passauer Caritashaus Konradinum wird deutlich, wie viele Gesichter Armut hat. Hier finden Menschen in schwierigen Lebenssituationen ein breites Spektrum an Hilfs- und Beratungsangeboten. Die Suppenküche "Täglich Brot" bietet eine warme Mahlzeit und einen Ort der Begegnung. Die Herberge gibt wohnungslosen Menschen ein Dach über dem Kopf. Hinzu kommen Beratungsangebote für Menschen mit finanziellen, sozialen und persönlichen Problemen.
Auch die Passauer Tafel des Diözesan-Caritasverbandes ist im Konradinum angesiedelt. Sie versorgt 248 Haushalte mit 492 Erwachsenen und 193 Kindern. Insgesamt sind damit 685 Menschen auf diese Lebensmittelhilfe angewiesen. Die Warteliste ist lang.
Oft hängen die Schwierigkeiten zusammen. Wer seine Wohnung verliert, hat meist nicht nur ein Wohnungsproblem. Wer mit Schulden kämpft, steht häufig auch unter erheblichem psychischem Druck. Und wer nicht weiß, wie er die nächste Rechnung bezahlen soll, braucht manchmal mehr als einen guten Rat.
Stephan Weikelsdorfer, hauptamtlicher Vorstand des Caritasverbandes für Stadt und Landkreis Passau, mahnt zu mehr Aufmerksamkeit für die Not anderer Menschen. Manche Einrichtungen und die Lebenswirklichkeit ihrer Besucher wolle man vielleicht lieber nicht sehen. Sein Appell: mehr Mut zum Hinschauen. Denn Armut verschwindet nicht dadurch, dass sie aus dem öffentlichen Blickfeld gerät.
Milliarden hier, Einsparungen dort?
Sabine Weiß, Referentin für Armuts- und EU-Fragen beim Diözesan-Caritasverband, will bewusst provozieren. Sie stellt gegenüber, wofür der Staat Milliarden ausgibt und wo zugleich über Einsparungen nachgedacht wird. Denn politische Haushaltsentscheidungen haben konkrete Folgen - gerade für Menschen, die ohnehin mit wenig Geld auskommen müssen.
Auf der einen Seite stehen geschätzte Kosten von 2,5 Milliarden Euro für den Tankrabatt, 350 Millionen Euro für die Flugticketsteuerentlastung und 1,5 Milliarden Euro für das Dienstwagenprivileg. Auf der anderen Seite werden Einsparungen bei sozialen Leistungen diskutiert: etwa 400 Millionen Euro durch eine mögliche Verkürzung des Unterhaltsvorschusses von 18 auf 16 Jahre, weitere 400 Millionen Euro durch eine Kürzung der Elternzeit auf zwölf Monate und 450 Millionen Euro durch eine Streichung des Kinder-Sofortzuschlags.
Der Referentin geht es dabei nicht um eine einfache Verrechnung. Die Beträge beziehen sich auf unterschiedliche Maßnahmen und Zeiträume. Vielmehr will sie eine grundsätzliche Frage aufwerfen: Welche Priorität haben Kinder, Familien und Menschen mit geringem Einkommen, wenn über öffentliche Gelder entschieden wird?
Jeder Beitrag hilft
Neben politischen Entscheidungen braucht es auch gesellschaftliche Solidarität. Weiß verweist auf die vielfältigen Hilfen für armutsbetroffene Menschen und wirbt um Unterstützung. Die Caritas freue sich über jede Spende, die ihre Arbeit gegen Armut stärkt. Denn mit Spenden können auch Hilfen ermöglicht werden, für die öffentliche Mittel nicht ausreichen.
Die Armutswochen wollen Menschen sichtbar machen, deren Lebenssituation häufig übersehen wird. Gerade bei Kindern und Jugendlichen geht es um mehr als Geld. Es geht um faire Bildungschancen, soziale Kontakte, ein sicheres Zuhause und das Gefühl, dazuzugehören.
Die bundesweiten Armutswochen beginnen am 17. Oktober, dem Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut, und enden am 15. November 2026, dem Welttag der Armen.